Bärlin

Von Daren Thomas
Sonntag, der 29.02.2004

Reiseberichte sind nicht einfach: Nur zu leicht lässt sich Text aus Chronologischem weben, etwas langweilig für jene, die nicht da waren und sich die Atmosphäre dazudenken müssen. Ich will Dir das trotzdem antun, zumal ich gewissenhaft Notizen gemacht habe, Textmuster, die ich heute verdauen und zu einem neuen Text kneten möchte.

Ich weiss nicht mehr, wie die Idee entstand. Es war eine jener vielen Ideen, die wie aus einem Loch hervorgekrochen kommen, etwas schnuppern und sich sofort wieder verschwinden wollen - nur stand diesmal da ein homo sapiens, der die Idee beim Schwanz packte und heimtrabte, das zappelnde Etwas fest in der Faust haltend: Mutter wird schon etwas daraus zu kochen wissen… Dachsragout? Bärlin. Sina fand die Idee toll, vielleicht war es auch die ihre - ich sollte meinen Freund, Urs W. besuchen, der dort ein Praktikum macht.

Am nächsten Tag hatte Sina das Flugticket schon gebucht und bezahlt. Ich fand heraus, dass mein Pass abgelaufen war und wir bangten ein wenig um das Geld (so spontane Stadtreisen können wir uns eigentlich nicht leisten). Vielen Dank also der Ambassade d’Irlande zu Bärn, die sich äusserst fleissig bemühten, mir noch in der selben Woche einen neuen auszustellen.

Und dann flog ich ab, Freitag der 22. Februar 2004.

[Bahnhof Zoo, endlich hinausgetraut!]

Es war nicht das erste Mal, dass ich in Berlin war, aber ich hatte mich eigentlich nie in die Stadt hinein getraut - auch diesmal blieb ich am Flughafen Tegel länger als nötig. Ich fand dort einen Burger King, der Tripple Cheese mit Bacon verkaufte. Ich suchte mir einen Platz in der Ecke aus und passte auf, dass mir nichts gestohlen wurde. Ich schien zwar völlig uninteressant zu sein, aber den Touristen müsste man eigentlich sehen und… aber ich hatte eigentlich gar nichts dabei, was sich zu stehlen gelohnt hätte.

[Der Bundesrat macht einen Rechtsschwenk]

Riesig, die Stadt! In meinem Reiseführer waren nur dürftige Karten, die in Zürich toll aussahen (farbig, mit Strassennamen, isometrische Touristenattraktionen, Tipps und Tricks) in Berlin aber völlig unbrauchbar waren. Wenigstens stand dort drin, dass man mit der X9 nach Zoologischer Garten kommt - dort war ich ja schon einmal. Dasselbe Gefühl wie beim letzten Mal: Sicherheit im Bahnhof, erschreckende Urbanität ausserhalb, ich kann mich nicht orientieren, ich werde mich verlaufen. Das letzte Mal sind wir ins Städtische, einkaufen, ja nicht ins Ungewisse - möglichst nicht zu tief in die Grossstadt eindringen. Es war schrecklich (mach Du mal Ferien mit der falschen Partnerin und Blasenentzündung)!

[Siegessäule]

Also: Entgegengesetzte Richtung. Kalt, noch nicht Mittag und haufenweise Zeit. In Berlin besteht die Mitte aus dem Tierpark. Grün auf meinem unbrauchbaren Stadtplan, riesig wenn Du dort bist und am Rand herumläufst, kahl weil Winter. Meistens mit Bise im Gesicht, wie finde ich wieder zurück? Huch! Was ist das? Unverhofft tauchte vor mir Prunk und Uebermut, Riesig und Vergoldet, Marmoren und Römisch auf, mit Flügeln auf einer Verkehrsinsel so gross wie das Central. Dort hinauf (Siegessäule), 64 Meter steile Wendeltreppen und oben wieder Bise, nur jetzt stärker, ohne Baumgerippenschutz aber dafür Silberstreifen am Horizont: Dort, im Osten (weit, weit weg) ein Tor, links davon ein Reichstag, weiter im Osten ein Turm. Meine Stirnhöhlen trieften, Druck noch vom Fliegen? Kopfschmerzen!

[Brachland, wo die Mauer (Todesstreifen) war]

Ich bin an dem Tag viel gelaufen, bis ich endlich bei Urs W. ankam, am Hakescher oder Hackescher Markt, wo er um die Ecke arbeitet und ein Mädchen Aspirin verschenkt. Ich glaube, wir hatten Reis mit Salat (darunter gezogen) und rohen Fischhäppchen, weil der Sushireis alle war, in einem Halbkeller mit kaum fünf Tischen und wenig Gästen. Wenn ich je wieder in Berlin bin, will ich dieses koreanische Restaurant wiederfinden und Schmaus!

[Mauerpark mit Mauerresten]

Samstag war Touritag, noch kälter… Baustelle Berlin. Ich habe mit Urs W. die Mauer gesucht. Es gibt nicht mehr viel davon, ein wenig in einem Park (Foto) und noch etwas mehr an der East-Side-Gällerie, die wir nicht besuchten. Es gibt gläserne Fotowände, die damals zeigen, wo man heute schauen kann und staunen: So, als wäre nichts gewesen. Nur manchmal eine längliche Strecke Brachland - aber brach liegt eh viel in der Baustelle Berlin!

Am Abend Sauftour mit Bierhimmel und Postkarte. Baklawa mitten in der Nacht in einer Bäckerei gekauft, an der Party habe ich einen Löschmeingedächtnistee getrunken und bin froh um meine Notizen… Katerblut am nächsten Morgen: Gelenke sind hohl, klebrigen Schweiss - ich liebe diese Stimmung für eine Rückreise!

In Berlin habe ich übrigens immer ausgezeichnet gefrühstückt! Das scheint dort mehr Kultur zu haben und für wenig Geld kann man sich überall den Bauch mit Fein vollschlagen. Vegetarisch am Samstag und à discretion am Sonntag.

[Zmorgen in Berlin]

Vielleicht sollte ich das Foto vom schlafenden Urs W. nicht zeigen (ist aber harmlos!) weil er diesen Artikel mit Sicherheit irgendwann entdeckt und liest und sich vielleicht ärgert. Aber etwas mit Mensch drauf muss ich schon zeigen, weil die restlichen Bilder (ziemlich unmotiviert verstreut, sorry) etwas kalt sind. Nicht zuletzt wegen dem eisigen Wind, aber auch, weil es Touristenfotos sind, die eine Reise zu fassen versuchen, die nie wieder gemacht werden kann. Schön, dass ich in Berlin etwas vom Moment erwischen konnte, durchatmen - so war ich auch froh, wieder nach Hause zu können (Sinasucht) und schämte mich erst in Zürich des Fliegens wegen, wo es doch einen Zug gibt. Aber dann hätte ich mich im Bahnhof Zoo angekommen, gleich auf den Rückweg machen können…

[Urs W. schläft]