Fahrstuhldilemma
Von Daren ThomasSonntag, der 09.11.2003
Kennst Du das Prisoners Dilemma? Nun, das Fahrstuhldilemma scheint eine Variante davon zu sein, die mir in den letzten Wochen, da ich viel im Triemli-Spital war, auffiel.
Stell Dir vor, Du bist in einem Hochhaus und willst in den 11. Stock. Der Portier am Eingang überwindet sein Postschalterbeamtensyndrom und erklärt Dir (obwohl Du schon seit Ewigkeiten nicht mehr beim Coiffeur warst, Kinderlieder falsch vor Dich hinpfeifst, beim Gehen schwankst und Pausbacken machst) wo die Fahrstühle sich befinden und wahrlich: Da hat es jede Menge Fahrstühle.
Nennen wir sie Lifte.
In diesem Hochhaus gibt es genau acht Lifte, und für jeden Lift gibt es ein eigenes Bedienelement mit je zwei Knöpfen. Das erste hat einen Pfeil nach oben (”drücke mich, wenn Du nach oben willst”) und das zweite einen Pfeil nach unten (”drücke mich, wenn Du nach unten willst”). Wenn eines der Knöpfe gedrückt wird, dann leuchtet es rot, um zu signalisieren, dass der betreffende Lift sich so bald wie möglich um Dich kümmern wird.
Niemand drückt nur einen Knopf. Im Gegenteil: In der Regel geht jeder Liftfahrer im Uhrzeigersinn oder der Ohrfeige nach bei jedem Lift drücken, in der Hoffnung, so schneller bedient zu werden. Daran hat sich wohl noch nie jemand gestört und somit existiert das Fahrstuhldilemma eigentlich gar nicht.
Dennoch: Stelle Dir vor, wie sich die Liftfahrer benehmen müssten, damit die Lifte optimal ausgelastet werden können. Oder besser: Stelle Dir vor, was passiert, wenn in einem mehrdutzendstöckigen Haus, auf jeder Etage alle Knöpfe gedrückt werden. Wie soll das System reagieren? Im schlimmsten Fall (aber keine Angst, dazu kommt es nicht, weil Programmierer in der Regel viel zu Paranoid mit Ausnahmen umgehen) bleiben alle Lifte stecken, weil sie nicht wissen, wohin sie sollen. Oder aber, alle Lifte rasen auf Stock 5 zu, um den einen Passagier abzuholen. Wenn dieser dann in eines der Lifte einsteigt, rasen alle Lifte einen Stock weiter, laden den nächsten ein und so weiter. Falls Du mir noch folgst, sollte sich das Problem schon offenbart haben:
Ist es moralisch vertretbar, alle Liftrufknöpfe eines Stockes zu drücken, wenn man eigentlich nur einen Lift will?
In einem Spital könnte es ja ziemlich wichtig sein, die Lifte möglichst optimal auszulasten, und ein unkontrolliertes, unnötiges herumirren der Lifte wäre demnach in keinem Fall wünschenswert! Im Triemli-Spital haben sie darum ein paar der Lifte mit einem Reservationssystem versehen, die nur mit einer Personalkarte mit Foto und Code aktiviert werden kann. Ich behaupte jedoch, dies wäre nicht nötig gewesen, wenn alle Menschen moralisch und aufeinander abgestimmt und fair und so weiter und so fort handeln würden.
Womit das Problem zum Dilemma wird, weil alle Systeme, die davon ausgehen, dass jedes einzelne Individuum das für das Gesamtwohl richtige tut, zum Scheitern verurteilt sind. Beispiele zähle ich nicht mehr auf, das ist nämlich auch schon zuhauf geschehen.
Was bleibt zu tun? Ich für meinen Teil werde weiterhin alle Knöpfe drücken!